In der Psychologie spricht man angeblich vom “Werther-Effekt”, während kurz nach Erscheinen des Briefromans von Goethe im Jahre 1774 – Goethe war gerade 25 Jahre alt – eine ganze Generation sich in Werthers Schicksal wieder erkennen zu glaubte: Nachdichtungen, Opern, Parodien, selbst die gleichen Klamotten soll man getragen haben. Das ist alles weit über 200 Jahre her.

Meine erste Begegnung mit Werther war hingegen äußerst nüchtern und ignorant zu gleich. Wie wohl fast jeder Schüler bekam man das kleine gelbe Reklam-Heftchen in die Hand gedrückt, die Ermahnung jenes zu lesen, und wenn man Pech hatte, musste man ein paar Wochen später vermeintlich sinnlose Fragen beantworten. Die Quittung folgte prompt. Auch der Stoff “Die neuen Leides des jungen W.” von Ulrich Plenzdorf – ebenfalls vom Lehrkörper verordnet – vermochten nicht, mir den Inhalt, geschweige denn den Sinn des Klassikers näher zu bringen. Während dieser Zeit der gelben Reklam-Heftchen und bubiköpfigen Deutschlehrerinnen hatte man ganz andere Gedanken und Sorgen. Ganz andere Dinge schwirrten einem im Kopf herum.

Erst jetzt, nachdem ich zu derlei Literatur und zum Theater meinen eigenen Zugang gefunden habe, kann ich vermuten, dass “Werther” und meine damaligen Interessen und Nöte gar nicht so inkompatibel waren, wie damals vermutet.

Florentine Klepper und Stephanie Lubbe haben sich der schwierigen Aufgabe angenommen, eben jenen Briefroman von Goethe auf die Bühne zu bringen. Nun ist diese Romanform an sich schon schwieriger zu lesen, wie aber soll so etwas dann auf der Bühne aussehen?

Mit dieser Frage im Hinterkopf und voller Erwartungen betrat ich das Hamburger Schauspielhaus, um zunächst einmal festzustellen, dass das Buch wohl noch immer auf den Lehrplänen der Schule steht. Das Foyer wurde von Horden Pupertierender bevölkert. Nicht immer ein Zeichen für einen entspannenden Theaterabend.

Das Bühnenbild von Adriane Westerbarkey bestand aus einem riesigen, hochgestellten, in den Zuschauerraum ragenden Blatt Papier mit fünf kleinen Plattformen, schräg über das Monsterbriefpapier verteilt.

Als das Stück anfing, traten durch Öffnungen im Blatt fünf Schauspieler, die alle “Werther” darstellten, jeweils auf eine Plattform – und fingen an die ersten Briefe “vorzulesen”. Zwar teilten sie sich jeweils die Sätze, aber in mir kroch doch dieser Gedanke “soll es das jetzt sein?” hoch. Meine Befürchtung, dass die nächsten anderthalb Stunden von diesem monotonen, verteilten “Vorlesen” ausgefüllt sein würden, verflog rasch, als Werther endlich Charlotte traf. Die Schauspieler verließen ihre Plätze und kamen nach unten und vorn an die Rampe – und fingen an Szenen nachzustellen und zu spielen – und wie sie spielten. Da wurde die Kutsche inklusive Pferde imitiert, die weiblichen “Werthers” (Maja Schöne und Verena Fitz) besetzten die Frauen, die Werther in seinen Briefen zu Wort kommen ließ, während alle mit allerlei stilistischen und schauspielerischen Mitteln dem Zuschauer das Geschehen anschaulich und lebendig vermittelten.

Es war eine wahre Freude, den fünf Leuten da oben auf den Brettern zuzuschauen. Jedem einzelnen konnte man die Spielfreude ansehen, die mich selbst sofort ansteckte. Mit einfachen Mitteln und dem bloßen schauspielerischen Können wurden die Geschichten erzählt, Emotionen erzeugt, Bilder gemalt.

Kai Schumann und Daniel Wahl teilten sich hervorragend die Rolle und jeder ließ scheinbar etwas von seiner eigenen Individualität in die Gesamtfigur einfließen. Maja Schöne passte ebenfalls in das Bild, auch wenn man etwas Mühe hatte, ihre Werther-Rolle von der des Gretchens in Faust (auch am Schauspielhaus) zu unterscheiden. Etwas blass hingegen wirkte Verena Fitz. Äußerst brillant war Felix Kramer, der natürlich und unverkrampft seinen Teil des Werthers spielte. Es war ein Vergnügen, ihm von unten zuzuschauen, wie er glaubhaft Szenen und Emotionen erzeugte. Das ging soweit, dass der Wahnsinn am Ende sichtbar war. Er schien so in seiner Rolle zu sein, dass er mit roten Augen und dem sprichwörtlichen Schaum vor dem Mund den letzten Abend bei Charlotte schilderte, die letzte Nacht im Leben des Werther, die letzten Gedanken an die vermeintliche Liebe.

Diese ansteckende Spielfreude, die einen auch im Parkett mitriss, trug viel dazu bei, dass man diese Inszenierung als äußerst gelungen bezeichnen kann. Man wünscht sich mehr davon bei den so genannten Profis.

Gut gelaunt und angesteckt von den Schauspielern verließ ich den Saal, bemerkend, dass dieses Stück nun wahrscheinlich seinen Anteil daran hat, dass einige der anwesenden Schüler das gelbe Reklam-Heft bewusster lesen werden. Auch das trotzige “Naja, man muss schon das Buch gelesen haben, um alle Zusammenhänge zu verstehen …” eines älteren Herren an der Garderobe trug lediglich dazu bei, dass ich mit einem Grinsen das Theater verließ, um mit einem Glas Wein und Freunden den überaus gelungen Abend zu verabschieden.